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19.5.2012 : 4:42 : +0200

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Die Bob-Hanning-Kolumne: Vom Wert der Abwehr bei der EM

Liebe Handballfreunde,
mit dem Ende der Europameisterschaft wird es auch Zeit, die Winterpause meiner Kolumne zu beenden. Auch wenn es an dieser Stelle etwas ruhig war: Wer meine Kommentare vermisst hatte, der wurde sicherlich auch an anderer Stelle fündig. Wieder einmal hatte ich das Vergnügen, für Sport1 über ein großes Turnier zu berichten. Und selten war es so abwechslungsreich wie in diesem Jahr.

Nach dem 21:19 im Finale über Gastgeber Serbien steht der Europameister Dänemark fest. Ich hatte das Team von Ulrik Willbek durchaus favorisiert und vor dem Turnier auf Dänemark als Titelgewinner getippt, aber nach deren Turnierstart hatte ich zwischenzeitlich auch so meine Zweifel. Letztlich ist der Turniersieg aber absolut verdient. In der Vergangenheit hatte das Erfolgsbuch der Dänen zwei Seiten: eine zum Aufschlagen und eine zum Zuschlagen. Mit herausragender Arbeit im gesamten Verband hat sich Dänemark aber in der Weltspitze festgesetzt. Wie tief diese Arbeit geht, durfte ich bei einem Vortrag des dänischen Jugendtrainers bereits erleben. Es war beeindruckend. Mit dem zweiten EM-Titel nach 2008 bekam die handballverrückte Nation nun den Lohn für diese Arbeit.

Beim Finalgegner Serbien hat man dagegen gesehen, wie man einen Heimvorteil für eine Euphorie nutzen und aufs Spielfeld bringen kann. Insbesondere das Zusammenspiel zwischen Darko Stanic im Tor und seinen Vorderleuten in der Abwehr hat mich beeindruckt. Das war ohnehin eine Erkenntnis der Meisterschaft: Wie selten in den letzten Jahren hat im gesamten Turnier die Defensive dominiert. Auf die Gefahr hin, ins Phrasenschwein einzahlen zu müssen, hier hat sich bestätigt, dass in der Offensive zwar Spiele gewonnen werden, in der Defensive aber Meisterschaften. Den Ausschlag im Finale hat dann aber letztlich Mikkel Hansen gegeben – eine fantastische Leistung des Dänen über das gesamte Turnier hinweg.

Ansonsten war es weniger überraschend, dass Spanien und Kroatien vorne mitgemischt haben. Ein wenig Leid tat es mir nur für die Iberer, die bis zum Abschluss der Hauptrunde das konstanteste Team waren und am Ende mit leeren Händen nach Hause fuhren. Die Überraschung dagegen waren die Franzosen, die nach vier Titeln in Folge nur glücklich die Hauptrunde erreichten und dann das Halbfinale verpassten. Abschreiben darf man sie aber keinesfalls, ich bin vielmehr gespannt, wie sich das Onesta-Team auf die Olympischen Spiele vorbereitet und dort präsentiert. Die Franzosen mussten aber auch erkennen, dass sie es schwer haben, wenn ihre Stars Karabatic und Omeyer ihre Leistung nicht abrufen. Die dominierende Mannschaft der letzten Jahre hatte das große Glück, so eine Generation zusammen zu bekommen, mit der sie auch im Sommer in London Favorit sein werden. Mittel- und langfristig wird abzuwarten sein, wie sie den Umbruch und den Generationenwechsel hinbekommen.

Schwerer fällt mir da schon eine Bewertung der deutschen Mannschaft. Im Rückblick lässt sich feststellen, dass wirklich alles möglich war. Es fehlte nur sehr wenig zum Einzug ins Halbfinale. Es fehlte aber auch nicht viel und unsere Mannschaft wäre nach der Vorrunde abgereist. Von Euphorie halte ich daher wenig und fühle mich in meinen mahnenden Worten bestätigt. Das Team hat auf jeden Fall mit seinem Kampf und seiner Leidenschaft überzeugt, über die Defizite sollten wir uns aber nicht hinweg täuschen lassen. Die Mannschaft stand zu schlecht in der Abwehr, dazu gab es mit Pascal Hens und Dominik Klein, sieht man vom letzten Spiel einmal ab, auch Totalausfälle.

Es war aber auf jeden Fall eine positive Entwicklung erkennbar, und es ist wichtig, dass diese Entwicklung jetzt vorangetrieben wird. Eng verbunden mit dieser Entwicklung ist für mich Bundestrainer Martin Heuberger, der mein Vertrauen genießt und das bestätigt hat. Er hat sich getraut, auch unpopuläre Personalentscheidungen zu treffen und auf einen größeren Teil des Kaders gesetzt. Jetzt sind aber auch die weiteren Entscheidungsträger gefordert, um den deutschen Verband wieder an die Weltspitze zu führen.

Bob Hanning ist Manager des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin. Die Kolumne erscheint mit freundlicher Erlaubnis von www.fuechse-berlin.de.

08.02.2012 17:57 Alter: 100 Tage