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19.10.2017 : 12:42 : +0200
Rechtsaußen der HSG Kreuzberg

Ade Wädli: „Kreuzberg, das war wie schwarze Piste mit Langlaufski“

Es ist keine Übertreibung, wenn man Stefan Odermatt (Foto) den berühmtesten Handballspieler nennt, der je das Trikot der HSG Kreuzberg trug. Der Linkshänder aus Stans in der Schweiz hat neun Länderspiele für die Nationalmannschaft der Eidgenossen bestritten und dabei sieben Treffer erzielt. Über Jahre spielte Odermatt in der Nationalliga A für den BSV Bern Muri, einem der erfolgreichsten Handballvereine der Alpenrepublik. Nachdem ihn der Beruf nach Berlin geführt hatte, fand „Wädli“ 2014 den Weg zur HSG Kreuzberg. Nun zieht er zurück in die Heimat. Im Abschiedsinterview zieht Odermatt eine Bilanz seiner Zeit in der deutschen Hauptstadt.

Stefan, warum hast du dir in Berlin ausgerechnet die HSG Kreuzberg ausgesucht?

Stefan Odermatt: Eigentlich hatte ich meine Handballschuhe 2012 an den berühmten Nagel gehängt, da ich nach zwölf Saisons in der 1. und 2. Schweizer Liga einfach zu viele Baustellen an meinem Körper hatte. Als ich dann aus beruflichen Gründen nach Berlin gezogen bin und Leute außerhalb der Arbeit kennenlernen wollte, entschloss ich mich, bei einem Handballclub in Berlin einmal die Woche ein Training zu besuchen. Im Internet fand ich dann drei Vereine, deren Trainingszeiten passend waren. So beschloss ich, bei allen drei Vereinen reinzuschauen und mich dann zu entscheiden. So weit kam es dann aber gar nicht, denn mein erstes Training absolvierte ich bei der HSG Kreuzberg – und nach diesem Training war für mich klar, dass ich bei den anderen Vereinen gar nicht reinschauen musste. Ich hatte mit der HSG Kreuzberg meinen Verein gefunden.

Weil wir eine Kiste Bier nach dem Training da hatten?
Odermatt: Das kalte Bier nach jedem Training oder Spiel spielte schon eine Rolle (lacht). Nein, der Hauptgrund war, dass ich mich bereits beim ersten Training als Teil der HSG-Familie fühlte – ich wurde sehr herzlich aufgenommen, und die Leute freuten sich, einen Schweizer in ihren Reihen zu haben. Es sind ja reichlich Nationalitäten hier vertreten, aber ich war wohl der erste Schweizer. Und der gesellige Teil im Anschluss an die Trainings oder Spiele kam nie zu kurz, was ich sehr zu schätzen wusste.

Erinnerst du dich an dein erstes Spiel für die HSG? Das war ja dein Comeback als Spieler nach über zwei Jahren ohne Handball.
Odermatt: Als ich erfahren habe, dass in der Stadtliga kein Harz verwendet werden darf, war das erst mal ein Schock für mich. Ohne Harz und mit einer verschlissenen Schulter Handball zu spielen, das war für mich wie mit Langlaufskis eine schwarze Piste hinunter zu fahren – regelrecht eine neue Sportart, die ich erst erlernen musste.

Du hast immerhin gleich vier Tore erzielt!
Odermatt: Ich erinnere eher, dass beim ersten Pflichtspiel – ich glaube, das war in Spandau – bei einem Siebenmeter der Ball bereits in der Ausholbewegung meine Hand verließ. Da der Torhüter weit vor dem Tor stand und der Ball irgendwie in einem hohen Bogen knapp über dem Tor landete, dachten meine Mitspieler, ich hätte einen Heber versucht – und verlangten prompt eine Kiste Bier für diesen riskanten Fehlversuch. Bei einem Spiel durfte dann gar Harz verwendet werden, und ich freute mich auf sehr auf diese Partie. Die Freude wurde dann jedoch getrübt, als uns zwei „Oldtimer-Schiedsrichter“ das Spiel in einer Art und Weise verpfiffen hatten, wie ich es nicht einmal bei geschmierten Schiedsrichtern bei einem Europapokal-Spiel in Rumänien erlebt hatte. Heute kann ich jedoch darüber lachen und muss noch immer schmunzeln, wenn ich an einzelne Entscheidungen denke: wie beispielsweise eine angeblich korrekte Sechs-Schritt Täuschung meines Gegenspielers...

Weshalb hast du in der zweiten Mannschaft gespielt, zumal es in der HSG I keinen Linkshänder auf Rechtsaußen gab?
Odermatt: Ich hatte dem Trainer der ersten Mannschaft signalisiert, dass ich nur einmal pro Woche ins Training kommen kann. Weil die erste Mannschaft jedoch vor hatte, leistungsorientiert und mehrmals pro Woche zu trainieren, wurde ich in die zweite Mannschaft eingeteilt. Ich war jedoch überglücklich über diesen Entscheid des Trainers, zumal ich mich bei den „alten Hasen“ in der HSG II, zu denen ich mich auch zähle, sehr wohl fühlte und wir oftmals mit unserer Routine die etwas weniger ausgeprägte Fitness wettmachen konnten. Zudem habe ich in Jörg, Toto, Markus und Eddy neue Vorbilder gefunden – was diese Männer in diesem Alter noch zu leisten imstande sind, ist schlicht phänomenal.

Nun kehrst du mit deiner Familie in die Schweiz zurück. Bleibst du dem Handballsport erhalten?
Odermatt: Ja, ich werde bei meinem Heimatverein, dem BSV Stans, als Sportlicher Leiter im Vorstand tätig sein. Der Traditionsverein verfügt über 16 Mannschaften, wobei die Frauen in der ersten und die Männer in der dritten Schweizer Liga spielen. Es ist angedacht, im nächsten Jahr mit einer Delegation beim jährlichen Willi-Schwarz-Turnier teilzunehmen, um diesem tollen Turnier eine internationale Note zu verleihen.

(Das Gespräch wurde im Mai 2015 von der Webredaktion der HSG Kreuzberg geführt.)